Der Spruch des Tages / Interpretation zur Serie : Die zehn Bilder vom Ochsenhirten

Das erste der zehn Ochsenbilder betrifft die Suche nach dem Ochsen. Das ist die Phase, in der die Sehnsucht nach dem wesenhaften Selbst, dem uranfänglichen Selbst, dem Ochsen, virulent geworden ist. Man spricht auch von der ersten Herzensregung, die sich auf das wahre Selbst richtet, eine sehr schöne und wertvolle innere Bewegung. Auch wenn es viele Milliarden Menschen auf der Erde gibt, wissen nur wenige, dass das wesenhafte Selbst absolut vollkommen und grenzenlos ist. In der Tat sind es nur sehr wenige, welche diese Wahrheit persönlich realisiert und in ihr Leben integriert haben. Welches Glück, dem überlieferten authentischen Buddha-Weg begegnet zu sein und den ersten Schritt auf dem praktischen Weg getan zu haben! Schön und kostbar in der Tat!

Der erste Mensch, der auf dieser Erde realisiert hat, dass unser Wesen ganz und gar vollkommen und absolut grenzenlos ist, war Shakyamuni Buddha. Und sobald ihr das realisiert, wisst ihr auch, dass dieses vollkommene Selbst, der Ochse in unserer Geschichte, nirgendwohin weggehen kann. Shakyamuni sagte auch, dass es eigentlich gar nicht nötig wäre, nach ihm zu suchen, weil wir von Anfang an mit dieser vollkommenen Buddhanatur ausgestattet sind. Das meinte der Satz: “Alle Lebewesen sind vom Urgrund her Buddhas.”

Doch wie steht es mit uns in Wirklichkeit? Niemand kann sagen, auf welche Weise wir “ganz und gar vollkommen und absolut grenzenlos” seien. Immer sehen wir nur unsere eigene Unvollkommenheit, unser Unvermögen und unsere zeitliche Begrenztheit auf eine Lebenszeit von 50 oder 80 Jahren. Das liegt daran, dass wir der wichtigsten Frage, der Frage nach unserem wahren Selbst, den Rücken zukehren und deswegen unser wahres Wesen, die Essenz unseres Daseins nicht wahrnehmen können. Stattdessen schauen wir nur auf die objektive, gegenständliche Welt außerhalb von uns selbst und entfernen uns dadurch mehr und mehr von unserem wahren Selbst.

Einmal der Vielheit illusorischer Täuschungen verfallen, gehen wir von einem Ding zum anderen und geraten immer mehr in eine hoffnungslose Verlorenheit, bis wir schließlich im Staub der unendlichen Illusionen den Blick auf das wahre Selbst gänzlich verloren haben. Auch wer Zazen praktiziert, kann leicht diesem Missverständnis erliegen. Deswegen ist es wichtig, ganz und gar eins zu sein mit Mu [vgl. das Koan "Jôshûs Hund" in Mumonkan Fall 1], ohne Rücksicht auf das, was man sieht oder hört oder welche Gedanken auch immer kommen. Wer aber glaubt, Mu außerhalb seiner selbst finden zu können, konstruiert sich eine Vorstellung davon. Dann läuft er ihr hinterher und jagt von einem Ding zum anderen, ohne den Lauf stoppen zu können. Auf diese Weise entfernt sich das Mu, das wahre Selbst, nach dem man sucht, immer weiter von einem selbst, bis es ganz verschwindet. Am Ende gelingt es auch nach vielen Jahren nicht, Mu wirklich zu erfassen.

Die vertrauten Häuser und Berge des eigenen Geburtsortes, des wahren Selbst, rücken in immer größere Ferne, bis man schließlich nicht mal mehr den Weg kennt, auf der man von dort hierher gekommen ist. Selbst wenn der Wunsch zur Rückkehr aufkommt, kennt keiner mehr den Weg zurück. Stattdessen wählt man irgendeinen Seitenweg, der noch weiter weg führt vom wahren Selbst. Aber, was ist mit dem Seitenweg gemeint? Gemeint ist der unendlich aktive kritische Verstand, der wie ein Dolch alles durchstößt und manche Dinge als gut, andere als schlecht beurteilt, je nach dem, wie weit sie dem eigenen Gewinnstreben dienen.

Wer mit rein materiellen Errungenschaften unzufrieden ist und nach einem tragfähigen spirituellen Fundament sucht, der hat die Phase der “Suche nach dem Ochsen” erreicht. Wer dann aber bei der Zenübung fehl geht und auf irgendwelche Abwege gerät, für den wäre es besser, niemals mit Zazen begonnen zu haben. Darum ist es zu Beginn der Zenpraxis äußerst wichtig, einen authentischen Meister zu finden und sich immer gewissenhaft und selbstkritisch in seiner Übung zu kontrollieren.

Jetzt wollen wir uns dem Vers von Meister Kakuan näher anschauen:

Unablässig durchstreift er das dichte Gras.

Mit ganzem Herzen und aller Kraft übt ihr Mu und fegt alles Gras, alle aufkommenden unterscheidenden Gedanken, konsequent beiseite. Die Beine beginnen zu schmerzen und die Knie tun weh. Nachmittags werdet ihr schläfrig; während des Kinhin, der Gehmeditation, lockert ihr die Beine und wascht euch das Gesicht, um die Schläfrigkeit zu vertreiben. Dann fühlt ihr wieder mehr Lebenskraft und widmet euch erneut der Praxis mit Mu.

Die Gewässer sind weit und die Gebirge fern,
der Weg führt ihn ohne Ende.

Die Suche geht weiter über Berge und Flüsse, immer weiter, aber niemals kommt ihr an einen Ort, da ihr sagen könnt: “Jetzt ist es genug.” Tag für Tag gibt es nur das Sitzen mit dem Gesicht zur Wand. Kann man wirklich das Problem von Leben und Tod einfach durch dieses Sitzen lösen? Tausenderlei Gedanken wirbeln durch den Kopf, und der Weg wird immer dunkler.

Alle Kräfte erschöpft, sein Wille gebrochen, weiß er nicht mehr,
wo weiter zu suchen.

Alle geistigen und körperlichen Energien sind erschöpft. Ihr wißt nicht mehr, wie es weitergehen könnte. “Was kann ich noch tun? Und wie?” Nur wer selbst diese Phase real durchlitten hat, kann verstehen, was damit gemeint ist. Aber genau hier, am tiefsten Punkt, im Großen Tod, ist jener Zustand erreicht, den man auch “Das nahe am Schatzhaus Sein” nennt.

Nur der Gesang der Zikaden vom Ahornbaum dringt abends
zu seinem Ohr.

Jetzt ist es Abend geworden. In heller Aufregung schmettern die Zikaden ihren kreischenden Singsang vom Ahornbaum: tschieh-tschieh-tschieh-tschieh. Wer solches Gekreische hört, möchte ebenfalls ins Kreischen ausbrechen. “Schon wieder geht ein Tag zu Ende – und alles war umsonst!” Wer solche Gefühle nicht einige Male erlebt hat, wird kaum sein wahres Selbst finden können.

Mit dem “Finden der Ochsenspuren” ist die Phase gemeint, da man die Abdrücke der Hufe des Ochsen auf dem Boden entdeckt. Meistens ist damit das konzeptionelle Verständnis der Sutren, der Lehren Shakyamunis und der Patriarchen gemeint. Das Studium dieser Texte ermöglicht ein intellektuelles Verständnis der Erfahrung, von der sie sprechen, und damit ein verstandesmäßiges Begreifen der Existenz des Ochsen.

Wer aber in seiner praktischen Übung mit dem Einsatz aller Kräfte Mu praktiziert, erlebt als erstes, daß die zwei Wesenheiten – Mu und man selbst – im Laufe des Übens einander immer näher kommen und nach und nach eins werden. So entsteht die Überzeugung: “Wenn ich in dieser Weise weiter übe, kann auch ich sicher einmal Kensho erlangen.” Dann fließt noch mehr Kraft und Vertrauen in die Mu-Übung. Diese Phase wird das Finden der Ochsenspuren genannt.

Aber was ist das, ein intellektuelles Verständnis von der Existenz des Ochsen? Gemeint ist die prinzipielle Überzeugung, daß alles Seiende im Himmel und auf Erden vollkommen leer ist. Jede “Form ist Leere”, wie es im Herz-Sutra heißt. Wer das Wesen dieser Leere verstanden hat, versteht auch die Aussage, dass alle Dinge im Universum das Selbst sind. So sagt es auch der berühmte Mönch Jô (aus dem 4. Jahrhundert): “Himmel und Erde und ich selbst haben dieselbe Wurzel. Alle Dinge und ich selbst sind eins.” Aber: Da gibt es noch ein “Ich”, welches diese Aussagen “versteht”. Solange es aber noch so ein “Ich” gibt, hat man die innere Wahrheit der Leere und die Bewusstseinsverfassung, die ausgedrückt wird in dem Satz: “Alle Dinge und ich selbst sind eins” nicht wirklich verstanden.

Darum braucht man unbedingt die persönliche Erfahrung, dass alle Formen wirklich Leere sind. Um zu dieser Erfahrung zu kommen, gibt es nur einen einzigen Weg, nämlich sein ganzes Selbst an Mu hinzugeben und sich selbst zu vergessen, so dass nur Mu übrig bleibt. Wer beharrlich in dieser Weise übt, wird bei der einen oder anderen Gelegenheit die Erfahrung machen, dass er selbst ganz und gar leer ist, ja eigentlich gar nicht existiert, in dieser Leere aber alle Dinge sein wahres Selbst sind. Solange man aber nicht selbst wirklich übt und zu dieser Erfahrung kommt, bleibt das Zenverständnis intellektuell und theoretisch.

Wer in einem theoretischen, konzeptionellen Zenverständnis gefangen bleibt, verharrt in der Phase der Spurenfindung. Auch wer sich in wissenschaftlicher Weise mit Zen befasst, bleibt – vom Standpunkt der Praxis her gesehen – bei den “Spuren” hängen, so differenziert und sorgfältig die Forschungen auch sein mögen.

Nun schauen wir wieder auf Meister Kakuans Vers:

Unter den Bäumen, am Rande des Wassers – zahlreiche Spuren.

Überall sind Hufabdrücke des Ochsen zu sehen, sowohl am Ufer der Bäche und Flüsse als auch in den Wäldern des Umlands. Theoretisch heißt das: “Form ist Leere – Leere ist Form. Himmel und Erde und ich selbst haben dieselbe Wurzel. Alle Dinge und ich selbst sind eins.” Aus dem Blickwinkel der Praxis ist jedes Mu so ein Abdruck der Hufe des Ochsen.

Wohlriechendes Gras sprießt reichlich – könnt ihr das sehen?

Überall ist auch Gras zu sehen. Es riecht wunderbar und schwingt hin und her im Wind. Der Dichter fragt uns, ob wir das wirklich sehen können. Alle Dinge im Universum liegen offen und klar zu Tage und sind gleichermaßen identischer Ausdruck des wahren Faktums. Könnt ihr das verstehen oder nicht? Der Vers scheint nahe zu legen, dass wir dieses Geheimnis nur ein bisschen begreifen können, aber mehr mit dem Kopf und nicht von der authentischen Erfahrung her.

Auch wer tiefer in die Berge hineingeht und nach ihm sucht.

Je intensiver ihr mit eurem Mu dem Ochsen hinterher jagt, desto weiter zieht er sich in die Berge zurück. Wenn man Mu von außen her betrachtet und im Äußeren verfolgt, entzieht es sich mehr und mehr. Das ist ein besonders wichtiger Punkt: Mu ist nicht irgendwo außerhalb von euch, so daß man es von außen anschauen und ihm nachstellen könnte. Ihr müßt ganz und gar eins sein mit Mu, selber Mu sein.

Wie könnte auch nur seine Nase, die bis zum Himmel reicht, ihm verborgen bleiben?

Doch aufgepasst! Ist nicht jedes Mu bereits selbst eine Berührung des Ochsen, ein Griff ans Maul und den Nasenring? Ist das nicht der Ochse selbst? Ist das nicht schon die gesuchte Wirklichkeit, die gar nicht verborgen werden kann? Diese Fragen sollen uns warnen

Wer ausdauernd und vertrauensvoll übt, weiß zwar im Anfang noch nicht so recht, was da vor sich geht, allmählich aber wird ihm klar, wie er Beine, Arme und den ganzen Körper in die richtige Stellung bringen, den Atem kontrollieren und mit Mu üben kann. Im Laufe von einigen Monaten, einem halben oder ganzen Jahr kommt der Geist immer mehr zur Ruhe und die Zazenübung wird tiefer und intensiver. Allmählich reift auch die Überzeugung, dass das weitere Üben mit gleichem Krafteinsatz unfehlbar dazu führen wird, einmal Erleuchtung zu erlangen. So sitzt man mit wachsendem Engagement und größerer Willensfestigkeit, ohne allzu leicht ins Wanken zu geraten. Zwar ist der Ochse noch nicht gefangen, die Zenpraxis aber ist voll in Gang gekommen. Das ist die Phase, von der gesagt werden kann: Man hat die Ochsenspuren gefunden.

“Den Ochsen finden” bedeutet, das wahre Selbst ganz klar zu sehen und zu erkennen. Genauer: Bis zu diesem Zeitpunkt war man gewohnt, sich vorzustellen, dass es irgendwo eine Substanz mit dem Namen “Selbst” oder “Ich” gäbe. Das wahre Selbst in voller Klarheit zu sehen, ist dagegen die Erfahrung der Tatsache, dass jenes Selbst vollkommen leer ist und keinerlei Substanz besitzt und dass es niemals so etwas wie ein substantielles Ich oder Ego gegeben hat.

Diese Erfahrung wird bei vielen eingeleitet durch das Hören eines Klanges. Meister Mumon († 1260), der Autor des Mumonkan, hatte seine große Erleuchtungserfahrung, als er das “Bumm-Bumm” einer großen Trommel hörte. Meister Kyôgen († 898) war dabei, seinen Garten mit einem Besen zu fegen, wobei ein Stein gegen einen hohlen Bambusstamm prallte. Mit dem Klang dieses “Klack” verschwanden plötzlich alle illusionären Vorstellungen, in die er bis dahin verwickelt war, und er erfuhr das wahre Selbst. So gibt es viele ähnliche Beispiele für Erleuchtungserfahrungen, die durch einen Klang oder Laut ausgelöst worden sind.

Wer das wahre Selbst erfährt, stößt damit auf die ursprüngliche Quelle allen Seins. “Was auch immer man sieht oder hört, jedes einzelne Phänomen, ist so, wie es ist, das wahre Selbst.” Natürlich ist es von großer Wichtigkeit, dass dies eine echte Erfahrung ist. Sollte sich auch nur ein kleiner konzeptioneller Gedanke eingeschlichen haben, dann wäre es keine authentische Erfahrung, kein echtes “Finden des Ochsen.”

Schauen wir noch etwas genauer hin. Man spricht von sechs Arten der Wahrnehmung, nämlich die fünf Sinne Auge, Ohr, Nase, Zunge und Haut sowie als sechstes das Bewusstsein. Korrespondierend zu diesen sechs Organen haben wir sechs Arten von Objekten: Farbe und Form, Klang, Geschmack, Geruch, Objekte der Berührung und mentale Gegenstände. Dementsprechend gibt es auch sechs Bewusstseinsarten, nämlich das Sehbewusstsein, das Hörbewusstsein, Geschmacksbewusstsein, Kontaktbewusstsein und das geistige Bewusstsein. Wahre Erleuchtung besteht darin, dass alle diese Elemente echte Realität sind, frei von Substanz, das wahre Selbst. Von daher gibt es keinerlei Unterschied zwischen ihnen.

Aber es geht nicht nur um die sechs Organe, Objekte und Bewusstseinsarten. Auch alle Bewegungen wie Aufstehen, Hinsetzen, Weinen, Lachen, Essen und Trinken sind das wahre Selbst, das wahre Faktum. So erscheint der wahre Ochse unübersehbar mit seiner ganzen Größe in völliger Offenheit.

Leer von allem Inhalt kann man ihn vergleichen mit dem Salzgehalt des Meerwassers oder dem Klebstoff in einer Farbe: Beides kann man von außen nicht sehen. Gewöhnliche Menschen sehen nur die Oberfläche vom Meer oder der Farbe. Mit der Erleuchtungserfahrung aber realisiert man den Salzgehalt im Wasser und die Klebrigkeit in der Farbe, Elemente, die auch schon vorher ihre natürliche Funktion ausgeübt hatten, aber nicht zu sehen waren. Wer den Salzgeschmack des Wassers und die Klebrigkeit der Farbe aus eigener Erfahrung kennt, weiß, was das Wasser zum Meerwasser macht und der Farbe ihre Klebefähigkeit verleiht. Der kann voller Überzeugung sagen: das ist der Ochse, unser wahres Selbst. In der Folge verändert sich die Art und Weise, wie man die Dinge bislang angeschaut hat, von Grund auf.

Betrachten wir nun die von Kakuan Zenji komponierten Verse.

Vom Strauch her ertönt der Gesang des Buschrohrsängers.

Mit dem Buschrohrsänger ist eine Nachtigall gemeint, die irgendwo in den Zweigen sitzt und weithin ihr Tirillieren erklingen läßt. Das Auffinden des Ochsen, die Erleuchtungserfahrung muss so klar sein wie der Gesang der tirillierenden Nachtigall beziehungsweise das Bumm-Bumm der Trommel bei Meister Mumon oder das Bambus-Klack bei Meister Kyôgen. Wer also in den Dokusanraum kommt und irgendwas Abstraktes daherredet wie etwa “Jedes Ding ist ein Ausdruck von Mu”, der spricht nicht von einem konkreten Erlebnis. Abstraktes Gerede, Konzepte, Philosophien und Gedanken sind nur Spielmodelle, aber kein echtes Zen. Das müssen sich Zenlehrer und Zenschüler zu Herzen nehmen. Darum ist es auch sehr wichtig, dies immer wieder zu überprüfen.

Warm scheint die Sonne, mild weht der Wind.
Am Flussufer leuchtet das Grün der Weiden.

Wer wirklich den Ochsen gesehen und Erleuchtung erfahren hat, ist zum ersten Mal frei von allen Fesseln des Ego und sieht die Realität so, wie sie wirklich ist. Es ist so, als hätte man alles Gepäck von den Schultern abgeladen und kann nun erstmals im Frühjahr den warmen Sonnenschein und den milden Frühlingswind genießen. An beiden Seiten des Flusses haben die Weidenbäume frische grüne Blätter, und ihre Zweige schwingen sanft im Wind.

Niemand kann dem Ochsen mehr entkommen.

Doch ist nicht nur die milde Frühlingsstimmung, die man mit Augen und Ohren wahrnehmen kann, ein Ausdruck des wahren Ochsen. Die ganze Umgebung, in der wir leben, ist nichts andere als der Ochse selbst. Der wahre Ochse ist das ganze Universum. Wenn das wahr ist, gibt es keine Möglichkeit, dem Ochsen je zu entgehen, wie immer das jemand versuchte. Und:

Kein Maler könnte sein majestätisches Haupt mit den Hörnern malen.

Niemand ist in der Lage, den lebendigen Ochsen darzustellen, zu beschreiben oder zu zeichnen oder mit Worten auszudrücken.

Wir müssen aber auch im Blick behalten, dass so eine Erfahrung das Gefühl vermitteln kann, den Teufel im Nacken zu haben. Und ehe man sich versieht, beginnt man mit dieser Erfahrung zu prahlen, sich aufzublähen, die Übungspraxis aufzugeben und den Meister zu verachten. Dann wäre es besser, niemals mit Zen begonnen zu haben. Das “Finden des Ochsen” ist erst die dritte Station in der Entwicklung. Und man muss wissen, daß zu diesem Weg ein unablässiges Bemühen um Verbesserung gehört.

In der Phase des Ochsenfangens wird der Ochse, unsere Wesensnatur, mit viel Mühe eingefangen. Das Wesen des Ochsen ist klar geworden. Beim “Finden des Ochsen” hat man ihn aber erst einmal nur gesehen. Läßt das Bemühen nach, weil man denkt, dies sei schon das Höchste, was man erreichen kann, dann verschwindet der Ochse alsbald wieder aus dem Blick. Alles, was übrig bleibt, ist bloß eine Erinnerung daran, den Ochsen einmal gesehen und Erleuchtung einmal geschmeckt zu haben. Wer Erleuchtung erfahren hat, für den ist es von höchster Wichtigkeit, mit großer Strenge und Ausdauer mit seinem Üben fortzufahren, damit die Welt, in die ein kleiner Einblick geschehen war, immer klarer und deutlicher wird.

Dieser Ochse in unserem Herzen war lange Zeit ausgerissen in entlegene Gebiete und wilde Gebirgslandschaften, d.h., er war tief in den Sumpf der phänomenalen Welt des Dualismus versunken. Und da er den Geschmack dieser Welt nicht so leicht vergessen kann, ist es nicht so leicht, ihn davon zu befreien. Erst nach vielen Jahren intensiver Praxis war es endlich möglich, den Ochsen einzufangen. Das ist das Stadium des Ochsenfangens.

Was aber heißt das genauer, das Fangen des Ochsen, des wahren Selbst? Es bedeutet, ganz klar und ohne Vermittlung von Konzepten zu sehen, dass unser wahres Wesen vollkommen leer ist und dass unser wesenhaftes Selbst, weil es absolut leer ist, die Fähigkeit besitzt, zu allem und jedem zu werden. Darauf bezieht sich die Formel des Herz-Sutra: “Form ist Leere.” Und das ist nicht bloß ein Gedanke oder ein Konzept. In dieser Phase gibt es keine Gefahr, den Ochsen zu verlieren.

Nun aber hatte man sich an das Leben in dieser dualistischen Welt, das ja auch seine angenehmen und bequemen Seiten besaß, schon lange Zeit gewöhnt. Und der Ochse war, bis es zur Erkenntnis seines wahren Wesens kam, geradezu zum Sklaven seiner dualistischen Umgebung geworden, obwohl er in sich selbst vollkommen leer ist. Eingeschnürt in diese dualistische Welt war er außerstande, sich davon zu befreien. Der Teil von uns, der an der alten dualistischen Welt hängt, ist nicht nur sehr stark und halsstarrig, sondern hat auch die Neigung, außer Kontrolle zu geraten. Auf die eine oder andere Art bleibt man an der Vorstellung kleben, dass es eine objektive Welt außerhalb von uns gibt. Wer hingegen verstanden hat, dass unser wahres Wesen von Anfang an absolut leer ist, sollte auch erkennen, dass die objektive Welt ebenfalls völlig leer ist. Doch das ist nicht ganz leicht. Deshalb muss man immer weiter üben und hart daran arbeiten, die Frage nach der Leere der objektiven Welt zu klären. Wenn man begreift, dass nicht nur die innere subjektive Welt leer ist (nin-kû), sondern auch die äußere, objektive (hok-kû), dann ist die Zähmung des Ochsen erstmals ganz gelungen. Und es wird klar: Das ganze Universum ist eine einzige Person. Oder, wie Shakyamuni Buddha sagte: “Im Himmel und auf Erden gibt es nur mich allein.”

Jetzt können wir uns dem Vers von Meister Kakuan zuwenden:

Alle Kräfte sind eingesetzt worden, den Ochsen zu fangen.

Beim ersten Anblick des Ochsen war die Freude übergroß. Man fühlte sich ermutigt und auch dazu angeregt, den Ochsen nun mit Händen greifen zu wollen. Als Ergebnis dieser langwierigen Bemühungen gelingt es schließlich, den Ochsen am Nasenring zu packen und zu bändigen.

Doch sein Ungestüm und seine Wildheit zu bändigen, ist noch schwerer.

Doch nach dem ersten Zugriff merkt man, dass der Ochse noch eine tief eingewurzelte Neigung besitzt, in die Welt der Unterscheidungen und Dualitäten zurückzukehren. Man stellt sich selbst in den Mittelpunkt, sieht andere Menschen als getrennte Wesen an und ist wieder ganz in der Welt der Unterscheidungen gefangen. Die Zügel, mit denen man den Ochsen eingefangen und festgehalten hat, drohen zu zerreißen. Die langjährig eingeschworene schlechte Angewohnheit, eine Trennmauer zwischen sich selbst und anderen zu errichten, lässt sich nicht so leicht auflösen, auch wenn man die Welt der Leere einmal erkannt hat. Darum muss man sich immer intensiver auf die Übung des Zazen einlassen.

Manchmal prescht er vor bis zur Spitze des Hochlands.

Die Unfähigkeit zu einem Wechsel will ich noch etwas erläutern. Manchmal befindet man sich, und sei es auch nur für einen Augenblick, auf dem Höhepunkt des Ochsenfangens. Man glaubt, ihn fest zu besitzen. Dann möchte man in dieser Welt der Leere möglichst lange verweilen. Und es entsteht eine Anhänglichkeit an diese Welt, in der es allerdings – wie eine alte Redewendung sagt – “auch keine Lebewesen gibt, die man retten könnte, selbst wenn man dies wollte.” Man wirft sich in die Brust und denkt, dass “niemand so eine tiefe Erleuchtungserfahrung besitzt” wie man selbst. Wird das Herz von diesem Gedanken besessen, dann ist alle Freiheit zum Denken und Handeln verschwunden. Gewiss, es mag nur wenige Menschen geben, welche die Welt der Leere so tief erfahren haben; und die Freude über diese Erfahrung mag unvergleichlich groß sein. Aber darin fest zu kleben, führt zu einer arroganten Selbstgefälligkeit und zu jener Zen-Krankheit, durch die man völlig nutzlos ist, um andere Lebewesen zu retten.

Manchmal verbirgt er sich in Nebel und Wolken.

Eine andere Neigung, die schwer auszurotten ist, betrifft die Rückkehr in die dualistische Welt, eine Illusionäre Vorstellung, eine Art makyô-Fantasie, die so rasch aufsteigt wie eine Nebelwand. Es ist sehr schwer, ihr zu entgehen. Denn die Bewusstseinsvorstellung “Ich habe eine so große Erleuchtung erlangt, dass andere nur davon träumen können” kann sich in so hartnäckiger Weise verfestigen, dass so ein Mensch noch widerspenstiger wird als andere, die keine Erleuchtung haben. Solche Menschen blähen sich auf und werden so hochmütig, dass ihnen kaum zu helfen ist. Zweifellos hat es früher auch schon solche Fälle gegeben, denn es gibt die Redewendung vom “arroganten Zen- Teufel” (Zen-Tenma), um davor zu warnen. Um diese Fallgrube zu vermeiden, muss man nach der Erleuchtungserfahrung sehr demütig sein und sich intensiver Zenpraxis widmen.

Wer die Phase des Ochsenfangens hinter sich gebracht hat, soll sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, sondern mit aller Kraft seine Praxis fortsetzen und versuchen, die nächste Station zu erreichen. Das Zähmen des Ochsens ist ein sehr wichtiger Prozess, in dem man sich die bisherigen Erfahrungen wirklich zu eigen machen muss.

Den Ochsen zu fangen, bedeutet (wie schon gesagt), ganz klar zu sehen, dass unser inneres Selbst vollständig leer ist (ninkû) und dass alle Dinge im Universum ebenfalls völlig leer sind (hokkû) Eine solche Erleuchtungserfahrung beinhaltet aber noch nicht das automatische Verschwinden aller unserer Gedanken, Konzepte und Illusionen. Sobald ein Konzept wieder auftaucht, sind auch andere illusorische Gedanken und Vorstellungen bald wieder zur Stelle. Je klarer die Erfahrung des Ochsenfangens war, desto schwieriger ist es sogar, die Illusion zu vermeiden, als habe man mit diesem einen Blick in die andere Welt bereits alles verstanden, was dazu gehört. So kann ein hochmütiger Impuls nach dem anderen emporkommen, bis jemand von sich glaubt, er habe eine Erleuchtungserfahrung gemacht, die größer sei als die von Shakyamuni Buddha. Man platzt förmlich vor Stolz, rühmt sich wegen seiner Zenerfahrung vor anderen und erliegt dem leichtsinnigen Wunsch, Zen an andere zu vermitteln und sie zu führen.

Natürlich kann man auch nach dem Wesen dieser illusorischen und unterscheidenden Gedanken, die unablässig aufsteigen, fragen. Sie sind nämlich in sich selbst gänzlich leer und ohne Wirklichkeitsgehalt. Wer aufgrund dieser Einsicht wirklich zur Ruhe kommt, für den kann jeder aufsteigende Impuls zur Manifestation des wahren Selbst werden. – Unglücklicherweise hängen wir Menschen aber immer sehr an unseren Erfahrungen und wollen sie nicht loslassen. Das gilt besonders für die Erfahrungsphase des Ochsenfangens – ein Erlebnis also, das den gewöhnlichen Menschen kaum zugänglich ist. Mit der Verwirklichung dieses Niveaus können die Versuchungen zu Hochmut, Stolz und Arroganz bedrängend werden: man denkt z.B.: “Keiner hat eine solch große Erleuchtung gehabt wie ich”, oder: “Auch Shakyamuni könnte nicht so eine tiefe Erleuchtung erlebt haben wie ich”. Das alles wird zu einem neuen Grund weiterer Illusionen.

Wir sehen nur die Welt der dualistischen Unterschiede und Gegensätze, in der Subjekt und Objekt einander gegenüber stehen. Doch die Vorstellung, daß diese objektive Welt existent sei, kommt nicht daher, dass sie wirklich existieren würde. Nur in unserem Geist kommt es zu der Vorstellung, dass “Die objektive Welt existiert”. Sie existiert also nur in unserem Geist. Nun taucht in unserem Geist auch die Vorstellung von einem “Ich” auf, das das Fangen des Ochsen erlebt hat. Von daher muss auch die dem arroganten “Ich” entsprechende objektive Welt auftauchen. In der Wahrheit aber, die durch das Fangen des Ochsen erlebt wird, ist die objektive Welt genauso leer wie die subjektive Welt. Dort gibt es weder Sein noch Nichtsein. Um in dieser Welt in Ruhe und Sicherheit zu weilen, muss man den Ochsen am Nasenring packen und daran festhalten. Beginnt der Ochse das Gras der täuschenden Unterscheidungen zu fressen, muss man ihn davon abhalten: “Nein, das nicht!” Und man darf nicht nachlassen mit der strengen Zenpraxis, wobei Mu als schärfste Waffe bis zum Ende das beste Mittel ist. In gewisser Hinsicht ist die Übungspraxis nach der Erleuchtungserfahrung viel schwerer als das Üben zuvor.

Jetzt wollen wir uns Kakuans Vers anschauen:

Immer muss der Hirte streng sein mit der Peitsche.

In der Phase des Ochsenzähmens muss man alle Mühe darauf verwenden, den einmal eingefangenen Ochsen unter Kontrolle zu bringen. Um ihn zu bändigen, müssen Peitsche, Seil und Nasenring immer zur Hand sein.

Sonst folgt der Ochse seiner Laune zu Staub und Schmutz.

Beachtet man diese Vorkehrungen nicht, dann geht der Ochse seine eignen Wege und verliert sich im Schmutz und Staub der Welt der Unterscheidungen. Nicht nur geht er gerne in die profane Welt hinein, in der er sich zuvor lange Zeit aufgehalten und auch wohl gefühlt hat, sondern er sehnt sich nach der Erleuchtungswelt (der Welt des Einfangens des Ochsen), aus der herauszukommen nun auch wieder nicht leicht ist.

Doch geduldiges Zähmen macht ihn sauber und sanft.

Mit dem “geduldigen Zähmen” ist unser ernsthaftes und nachhaltiges Üben gemeint, bis der eigene Herz-Geist nach und nach reifer, ruhiger und reiner wird. Das ist eine sehr wichtige Entwicklungsphase. Wenn die Erleuchtung bestätigt wurde, kommt die schwierige Phase des Ochsenzähmens, in der viele Menschen, ohne es selbst zu merken, hochmütig, stolz und überheblich werden. Nur durch strenges Sitzen und anhaltendes Üben wird der eigene Herz-Geist nach und nach ruhiger, der Gesichtsausdruck wird sanfter und die zuvor schneidend barsche Sprechweise verliert sich allmählich. Würde das nicht geschehen, wäre es kein echtes Zen.

Und friedlich folgt er dem Hirten ohne Zügel und Zwang.

Wenn der Ochse gezähmt und wirklich zahm geworden ist, folgt er jedem Wink, auch wenn man Zügel oder Ketten nicht zur Hand nimmt. Bei allen Handlungen wie Stehen, Sitzen, Lachen, Weinen ist der Ochse selbstverständlich präsent.

Jetzt kann der Hirte in aller Ruhe den Rücken des Ochsen besteigen und auf ihm heimreiten. Die langwierige Mühe des Zähmens hat sich gelohnt. Jetzt folgt der Ochse genau jedem Wink.

Während der Zähmungsphase war es gelungen, das wahre Selbst zu packen. Wenn dann aber auch nur wenige Gedanken dazwischen kommen, werden es bald mehr und mehr, und man wird von ihnen belästigt noch und noch. Besonders der Gedanke, eine außergewöhnliche Erleuchtungserfahrung erlangt zu haben, wird unmerklich zu einer Quelle des Hochmuts, der schwer wieder auszulöschen ist. Dann versucht man erneut, den Ochsen zu zähmen und diesen Gedanken zu bekämpfen, zum Beispiel, in dem man sich sagt: “Das ist nicht genug! Das reicht noch nicht!”

Jetzt haben diese Mühen Früchte gebracht. Der Kampf ist endlich vorbei. Das heißt: Man hat erkannt, dass alle Unterschiede substanzlos sind. Alle Gegensätze wie die zwischen Erleuchtet und Unerleuchtet, Heilig und Gewöhnlich, Gut und Böse, Gewinn und Verlust sind in sich selber leer, und die Mauer zwischen diesen Gegensätzen ist verschwunden.

Ähnlich wie Holzfäller, die auf dem Heimweg ein Liedchen summen, oder unschuldige Kinder, die fröhlich auf ihrer Flöten spielen, bewegt er sich nun ohne Hemmung frei und frohgemut auf seinem Weg. Aus dem Blickwinkel gewöhnlicher Menschen ist das ein beneidenswerter Zustand. Der Ochse, das wahre Selbst, tut genau das, was ihm gesagt wird. Behaglich kann man sich im Gras auf den Rücken legen und am Himmel die Wolken beobachten, wie sie langsam und gemächlich von einer Seite zur anderen ziehen.

Wenn man den Ochsen jetzt anruft, wendet er nicht mal seinen Kopf. Und wenn man versucht, ihn anzupacken und in eine Richtung zu zerren, würde er nicht Halt machen. Alle Dinge nehmen ihren Lauf, Tag für Tag und Stunde für Stunde tut man einfach das, was jetzt dran ist, und geht seinen Weg ohne Hindernis.

Das ist in der Tat ein wunderbarer Zustand. Aber er birgt auch eine große Gefahr. Denn es handelt sich ja um einen Ochsen, der da so gemütlich daher läuft, und ein Selbst, das auf diesen Ochsen schaut. Dieses Selbst ist glücklich und zufrieden, wenn es auf den Ochsen blickt, und es denkt bei sich, wie wunderbar und angenehm doch alles geworden ist. So verkündet man auch anderen von seinem Erfolg. Und diese staunen darüber und denken, dieser Mensch muss etwas Besonderes sein, aber sie fühlen sich nicht gedrängt, selbst Zazen zu praktizieren. Diese Art des Umgangs mir der Zenerfahrung ist im Grund ein vollkommen nutzloses Zen, das nur der Selbstbestätigung dient. – Wenn es so weit gekommen ist, muss man sich unbedingt selbst dazu anspornen, die Übungspraxis fortzusetzen und sich sagen: “Übe weitere 30 Jahre!”

Jetzt schauen wir uns Meister Kakuans Vers an:

Auf dem Rücken des Ochsen will der Hirte langsam nach Hause reiten.

Das Wort für “langsam” (iri) im Originaltext weist auf eine lange Reihe hin. Hier geht es darum, dass man langsam und friedlich auf dem Rücken des Ochsen, unserem wahren Selbst, den langen Heimweg antritt. Auch der Ausdruck “Reiten Wollen” deutet hin auf einen weiten Weg. Das Ende ist noch nicht in Sicht. Warum? Weil es da noch ein Selbst gibt, das auf den Ochsen schaut, ein Ich, das auf dem Rücken den Ochsen sitzt.

Im rötlichen Abendlicht spielt der Fremde auf seiner Flöte.

Mit dem Fremden, dem Barbaren (kyô), ist ein Angehöriger eines Volksstammes vom Nordwesten Chinas gemeint. Der Klang einer Flöte aus diesem fernen Volke ist Ton für Ton ein Gruß an die niedersinkende Sonne. Das ist ganz klar zu hören. Doch hat dieser Flötenklang auch einen melancholischen Beigeschmack, denn er kommt aus einem fernen Land und wird von einem Fremden gespielt.

Jeder Takt, jeder Ton ist erfüllt von unvorstellbarem Klang.

Doch trotz des Hauchs von Melancholie, der über allem liegt, vermittelt jeder Ton und jeder Rhythmus auch den Geschmack der Unendlichkeit. Das ist so, weil jede Bewegung der Hand, jeder Schritt mit den Füßen und jeder Grashalm eine Manifestation des wahren Selbst ist. Ihr könnt das nur wahrnehmen auf direkte Weise, nicht durch logisches Nachdenken und intellektuelles Manipulieren.

Echte Freunde wissen davon auch ohne Worte.

Womit lässt sich dies vergleichen? Welcher Vergleich könnte uns helfen? Im alten China gab es zwei berühmte Freunde mit den Namen Hakuga und Chôshiki. Hakuga war ein berühmter Lautenspieler. Wenn er mit der Laute musizierte, konnte Chôshiki, sein Freund, sehr genau erkennen, in welcher Stimmung und Verfassung Hakuga war, indem er sorgfältig auf den Klang und Rhythmus der Lautentöne achtete. Was im Inneren ist, muss also nicht immer in Worten ausgedrückt werden. Es gibt also auch die Möglichkeit vollkommenen Verstehens im Schweigen.

Diesen Zustand zu erreichen, ist aber nicht leicht. Ein enger Freund aber, in unserem Fall der Ochse, ist immer dabei, ohne ein Wort zu sagen oder irgendetwas zu verkünden. Weil dieser Zustand aber so glückvoll und zufriedenstellend ist, entsteht die Gefahr, mit allen Mitteln daran festzuhalten. Das hängt mit der Schwäche unserer menschlichen Natur zusammen. Nach und nach fallen wir, ohne etwas davon zu merken, zurück in diese Art des Denkens. – Dies ist erst der sechste Abschnitt der Entwicklung. Und man muss wissen, dass man immer noch “auf dem Wege” ist.

Wir sind angekommen an der siebten Station: Der Ochse ist vergessen. Auch hier ist mit dem Ochsen unser wahres oder uranfängliches Selbst gemeint. Das ist das Mu, mit dem die meisten üben und nach dem sie suchen. Was aber ist damit gemeint, wenn es heißt, den Ochsen zu vergessen.

Begonnen haben wir damit, den Ochsen zu suchen. Dann haben wir ihn gesehen und gefunden, festgehalten und gezähmt, ihn unter Kontrolle gebracht und dazu erzogen, das zu tun, was ihm befohlen wird. Im Verlauf dieser Entwicklung habt ihr es mit vielen Koans zu tun bekommen. Und ihr kennt die Freude, wenn sie gelöst waren, und auch die Angst, nicht hindurch zu kommen.

Wenn auf derart gründliche Weise nach dem wahren Selbst, dem Ochsen, gesucht wird, verschwindet das suchende Selbst (die suchende Person) – und es bleibt nur das wahre Selbst, der Ochse, übrig. Genau gesagt, ist dies die Welt, in der auch das wahre Selbst nicht zu Bewusstsein kommt. Das Selbst ist ganz und gar vergessen; es ist die Welt der Leere, in der es “kein Wölkchen am Himmel” gibt, “das den Blick behindern könnte.”

Wer für diesen Sachverhalt einen Vergleich sucht, könnte an die Gewinnung von reinem Gold aus einem Erzvorkommen denken. Reines Gold, vollkommen rein, ohne jeden Makel! Das ganze Universum ist reines Gold! Vom Erz, aus dem das Gold einmal gewonnen wurde, und von dem Werkzeug, das man benutzt hat, ist nichts mehr da. Nur reines Gold! Zum Vergleich kann man auch an den Mond denken, der in voller Helle und Klarheit am Nachhimmel strahlt, wenn sich alle Wolken verzogen haben. Die ganze Welt gleicht dem Mond, der von keinerlei Wolkenschleier verdeckt wird. Die überwältigende Realität der absoluten Leere übersteigt alle Möglichkeiten der Beschreibung. Nur durch lebendige Erfahrung kann diese Welt wahrgenommen und “geschmeckt” werden. Wer hierhin kommt, für den werden die Koans, mit denen er oder sie bis dahin gekämpft und gearbeitet hat, ganz und gar nutzlos, wie unnütze Möbelstücke.

Doch gibt es immer noch die Möglichkeit eines weiteren Fortschritts. So gibt es an diesem Punkt noch immer ein Bewusstsein davon, dass es in dieser Welt keine Substanz gibt. Das wird ausgedrückt in dem kurzen Satz: “Der Hirte bleibt.” Yamada Kôun Roshi hat seine diesbezügliche Erfahrung so formuliert:

“Nach meiner Erleuchtungserfahrung war mein Körper eine ganze Woche am Vibrieren. Ich fühlte mich wie der Fisch im Wasser. Das Leben ging ohne jedes Hindernis weiter. Ich fühlte mich ganz frei und sehr glücklich. Aber es hielt nicht lange an. Nach etwa 10 Tagen oder einem Monat erschien wieder so etwas wie ein Selbst. Es war nicht so sehr das Bewusstsein eines gierigen Ego, wohl aber das eines ganz natürlichen Selbst. Man ist sich seiner selbst bewusst. Und das bleibt.”

Mir ist es so ergangen, dass ich das Gefühl hatte, alle Koans seien völlig unnütz und so “wie unnütze Möbelstücke”. Für einige Zeit erschien mir die Koanarbeit ganz unsinnig zu sein. Aber ich erinnere mich, dass das Bewusstsein eines denkenden Ich recht lange angehalten hat. Aber die wahre Realität, das wahre Faktum ist das ja nicht.

Jetzt wollen wir den Vers von Meister Kakuan näher betrachten:

Schon hat er auf dem Rücken des Ochsen sein Heim erreicht.

Der Vers zum sechsten Bild dieser Serien begann mit den Worten. “Auf dem Rücken des Ochsen will der Hirte friedlich nach Hause reiten”. Er will nach Hause reiten, aber er kann nicht. Warum? Ich sagte: Weil es da noch immer ein Ich gibt, das auf einen Ochsen schaut. Wird dieses “Ich”, das da auf den Ochsen schaut, weggenommen, dann hat man tatsächlich sein Heim erreicht. Ich wünsche allen, dies wirklich zu erfassen, wie wichtig die Erfahrung ist, dieses Selbst wenigstens einmal ganz und gar zu vergessen.

Da ist der Ochse verschwunden und der Hirte allein.

Beide, sowohl der Ochse, der gesucht wird, wie auch der Suchende selbst, sind ganz und gar leer und substanzlos. Wenn das einmal klar erkannt wird, dann sind der Ochse und der Suchende vollkommen eins. Wir können auch sagen: “Hört das Suchen auf, dann erscheint die Einheit.” Und es erscheint ganz klar die Welt, in der es “nichts und niemanden” gibt. Im Shôdôka, einem Gedicht von Yôka Daishi (+ 713), wird das ausgedrückt mit den Worten: “Seht dort den gelassenen Menschen des Weges, der das Lernen beendet und jetzt nichts mehr zu tun hat.”

Als die Sonne schon hoch am Himmel steht, ist er noch am Träumen.

Da bleibt absolut nichts mehr zu tun! Auch wenn die Sonne morgens am Himmel hoch steigt und schon drei Bambuslängen erreicht hat, ist er noch am Schlafen und Träumen. Damit beschreibt der Vers einen Stand der Verwirklichung, dem entsprechend das ganz Universum heil und gesund ist.

Peitsche und Halfter hängen nutzlos im Stall.

Zaumzeug und Peitsche, die zur Zähmung des Ochsen vonnöten waren, sind unnütz geworden. Wie verloren hängen sie in der Ecke am Haken, während schon rings um die Hütte das Gras wächst. Mit viel Mühe musste der Ochse mit diesen Mitteln gezüchtigt werden. Aber jetzt sind sie nutzlos geworden. Doch dürfen die Anstrengungen nicht aufgegeben werden! Denn es gibt noch dieses Bewusstsein eines Selbst, das es “nicht nötig hat, den Ochsen zu züchtigen.”

In der achten Station geht es um die Tatsache, dass der Hirte, der nach dem Ochsen auf der Suche war, und das wesenhafte Selbst, der Ochse, als Objekt dieser Suche eigentlich nie existiert haben.

Diese Tatsache kommt auch in Dôgen Zenjis Ausspruch zum Ausdruck: “Weggefallen sind Körper und Geist.” So sagte er zu seinem Lehrer Tendô Nyojô Zenji (1162 -1227), nachdem er zur großen Erleuchtung gelangt war, als der Meister gesagt hatte: “Zen praktizieren bedeutet, Körper und Geist wegfallen zu lassen.” Sich selbst vergessen haben, alle anderen auch vergessen haben, alle Dinge der Welt vergessen haben! Da ist nur der eine runde Kreis ohne jeden Inhalt. Das ist gemeint mit den Worten: Hirte und Ochse – beide vergessen.

Um diesen Zustand zu erreichen, ist es von äußerster Wichtigkeit – wie ein Sprichwort sagt -, “nicht dort zu verweilen, wo die Buddhas sind, und auch dort schnell vorbeizugehen, wo sie nicht sind”. Dabei bedeutet das “Verweilen, wo die Buddhas sind”, seine Zeit mit solchen Gedanken und Konzepten wie zum Beispiel “Buddha” oder “Erleuchtung” und dergleichen zu vertrödeln. So lange man noch irgendwie liebäugelt mit Vorstellungen wie Kensho, großer Erleuchtung (daigo tettei), Dharma-Übertragung (inka shômei) und Ähnlichem, ist man kein authentischer Zenmensch. Auf der anderen Seite bezieht sich der Ausdruck “Wo die Buddhas nicht sind” auf eine Bewusstseinsverfassung, in der einen solche scheinbar kostbaren Vorstellungen gar nichts mehr angehen. Auch einen solche Zustand soll man nicht nähren und pflegen oder darauf stolz sein, sondern rasch daran vorbeigehen.

Bei der Erläuterung des siebten Bildes “Der Ochse ist vergessen, der Hirte bleibt” habe ich davon gesprochen, dass hier noch eine bestimmte Art von Selbst-Bewusstsein bleibt, während der Hirte gelassen verweilt in einem Zustand, in dem es “keine Buddhas” gibt. Wer diese Bewusstseinsstufe durchlaufen hat, für den liegt die Welt, in der es nichts und niemanden mehr gibt, klar und offen zutage.

Wer beide Ebenen durchlaufen hat, die Welt der Buddhas und die der Nicht-Buddhas, befindet sich in einer Welt, in der selbst Manjushri oder Shakyamuni Buddha mit ihrem klaren Auge nichts mehr wahrnehmen können. Denn hier gibt es überhaupt nichts mehr. Das ist die tiefste Basis des Zen, die Welt des Nichts, welche nur durch eigene Erfahrung zu realisieren ist. Ohne diese Erfahrung gibt es kein authentisches Zen; es wäre nicht mehr als eine intellektuelle Spielerei mit Plastikfiguren.

Wen jemand das wahre Faktum wirklich erfahren hat, wie mag sich das äußern? Ich will ein Beispiel vorstellen. Im alten China gab es einen Zenmeister namens Gozu Hôyû (594 -657). Er war ein rechtschaffener Mann und wurde auch von den Nachbarn hoch geschätzt. Selbst die Vögel sangen sein Lob; sie holten Blumen herbei, um sie ihm darzubringen. Später aber, nachdem er unter dem vierten Patriarchen Daii Dôshin Zenji (580 – 651) große Erleuchtung erfahren hatte, stoppten die Vögel diese Blumengaben. So lange jemand von anderen als hervorragende Persönlichkeit, als tugendsames Vorbild hoch gelobt wird, ist er nicht wirklich groß und authentisch. Ein Mensch mit tiefer Erleuchtungserfahrung macht nicht viel Wind um sich. Die Vögel konnten Hôyû Zenji nicht mehr entdecken, weil er für sie unsichtbar und gleichsam ein “niemand” geworden war.

Jetzt schauen wir den Vers an, den Kakuan Zenji gemacht hat.

Peitsche und Leine, Ochse und Hirt – alles ist weg.

Wer Zaumzeug, Peitsche und Leinen mit Sorgfalt und aller Kraft auf der Suche nach dem wahren Selbst eingesetzt hat, erreicht irgendwann das Ziel. Dann stellt er fest, Peitsche und Leine, Ochse und man selbst – alles ist leer und ohne jede Substanz. Nichts und niemanden gibt es in dieser Welt.

Weit und breit nur blauer Himmel – das kann niemals mitgeteilt werden!

Unendlich weit dehnt sich der klare blaue Himmel. Das ist ein Ausdruck für das wahre Faktum der Leere, die Welt des wahren Selbst. Da sie gänzlich leer ist, gibt es auch nichts mitzuteilen. Oder — um es klar zu sagen — schon von allem Anfang an ist es als diese große Leere “mitgeteilt” worden.

Wie sollte sich auf rotglühendem Ofen eine Schneeflocke halten?

Auf einem riesigen Hochofen mit mächtigen Flammen schmilzt alles dahin. Auch Schnee verdampft sofort und lässt keine Spur zurück. Solche Brennkraft wie dieser Ofen hat das wahre Faktum des absoluten Leere. Da bleibt nichts übrig, nicht das geringste Bisschen an unterscheidenden Gedanken, kein bisschen Schnee.

Wer dahin kommt, versteht genau, was die Alten meinten.

Erst auf dieser Ebene kommt man mit dem Geist der Buddhas und Patriarchen gleich. Ja, wenn diese Ebene nicht erreicht wird, hat die Zenpraxis eigentlich keinen Sinn. Nur mit dieser Erfahrung kann man das Problem von Leben und Tod wirklich lösen und wahren Herzensfrieden erlangen. – Freilich, dies ist erst die achte Station auf dem Weg der Zenpraxis. Die Übung muss weitergehen, um höhere Ebenen zu erreichen.

Wie viel Zeit und wie viel Schmerzen waren nötig, um die achte Station “Ochse und Hirte verschwunden” zu erreichen! Dabei wurde klar, dass Subjekt und Objekt, Mensch und Dharma, vollkommen leer sind. Da dies erst als Ergebnis äußerst langwieriger Bemühungen und harter Arbeit erkannt werden konnte, neigt man dazu, an dieser Phase hängen zu bleiben und sich am Ergebnis auf Dauer festzuhalten – ein bleibender Rest der Erleuchtungserfahrung! Wenn es dann gelingt, durch weiterhin eifriges Sitzen diese Reste abzuwaschen, kommt man zu der Einsicht, dass dieses Faktum “Ochse und Hirte verschwunden, Person und Dharma sind leer”, zum Wesensgehalt des Menschseins gehört und überhaupt nichts Außergewöhnliches darstellt. Durch diese Erfahrung kehrt man zum Ursprung zurück, zur Quelle, von der alles seinen Ausgang nahm. Das ist die “Heimkehr zum Ursprung”, wo keine Spur von “Buddha” oder “Buddhismus” gefunden werden kann. – Es ist durchaus wahr, dass der Zustand nach der Erleuchtungserfahrung genau der gleiche ist wie zuvor. Es ist die Bewusstseinsverfassung, von der es heißt: “Seht dort den gelassenen Menschen des Weges, der das Lernen beendet und jetzt nichts mehr zu tun hat.”

In dieser Phase kann man erkennen, dass alle Schwankungen wie die Hochs und Tiefs dieser Welt, so wie sie sind, völlig leer und substanzlos sind. Sie sind Manifestationen der vollkommen Stille und des Nichtseins. Wenn man das so ausdrückt, klingt es so, als seien da zwei Dinge, das Sein und das Nichtsein. In Wahrheit jedoch ist das Sein das Nichtsein. Alles Seiende ist so, wie es ist, nicht seiend. Zwischen beidem gibt es keinen Unterschied.

Diese Aussage “Seiendes ist nicht-seiend” ist eine nackte Tatsache, nicht ein vorübergehender Traum oder eine Illusion. In dieser Phase kann man klar erkennen, dass es im Grund unnötig war, sich mit allen Kräften der Übungspraxis des WEGES zu widmen und sich um Erleuchtung zu bemühen. Das ist eine wichtige Einsicht: Man beginnt mit der Suche nach dem Ochsen, der ersten Station. Und nach einigen Jahren des Übens kommt man schließlich zur neunten Station, der Rückkehr zum Ursprung. Und als Resultat des ganzen Prozesses muss man dann sagen, eigentlich sei alles unnötig gewesen, sowohl die angestrengte Übungspraxis als auch die Erleuchtung selbst. Es wäre aber total falsch, von Anfang an zu glauben, die Übungspraxis sei unnütz und die Erleuchtungserfahrung nicht erstrebenswert. Eine solche Einstellung wird faules Zen oder Pseudo-Zen (buji-zen) genannt. Heute sind nahezu alle Zen-Schulen in Japan auf dieses Niveau abgesunken. Sie glauben, das Sitzen allein sei genug, und wissen die Erleuchtungserfahrung nicht zu schätzen oder ignorieren sie. – Andererseits soll man nicht vergessen: Wie sehr man auch die Wichtigkeit der Erleuchtungserfahrung herausstellt, so lange es bei dieser verbalen Betonung bleibt oder sobald egoistischer Hochmut die Erleuchtung, wenn sie denn echt war, überdeckt, bleibt man auf halbem Wege stecken. Es gibt keinen anderen Weg als das intensive Sitzen. Sitzen und nochmals Sitzen, um schließlich einmal sagen zu können, dass alle Übungsanstrengungen und die Erleuchtungserfahrung letztlich nicht nötig sind.

Nun wieder zum Vers von Meister Kakuan:

Heimgekehrt zum Ursprung, sieht der Hirte, wie vergeblich alle Mühe war.

Jetzt ist der Hirte zum ursprünglichen Anfangspunkt zurückgekehrt. Wie groß war die Mühe, dahin zu gelangen! Von Zeit zu Zeit habt ihr euch das Gesicht gewaschen mit kaltem Wasser. Oder ihr seid in Verzweiflung geraten, als ihr in der Abenddämmerung das Gequake der Frösche gehört habt. Oder ihr seid trotz schmerzender Beine und unerträglicher Erschöpfung weiter beim Sitzen geblieben. Vielleicht habt ihr auch einige Male das Gefühl gehabt, jetzt sei der Augenblick für eine echte Erfahrung gekommen, aber sogleich haben sich Angst und Unzufriedenheit breit gemacht. Und wie oft seid ihr nahe dran gewesen, mit dem Sitzen überhaupt aufzuhören!

Was wäre besser in dem Moment, als blind und taub zu sein?

Wenn ihr jetzt an das alles denkt, mag die Frage aufkommen: Warum bin ich da nicht einfach taub und blind geworden? “Blind und taub” meint den Zustand, in dem man einfach nichts mehr sieht und hört. Wenn ihr “seht”, gibt es nur dieses Sehen – und es gibt kein Subjekt, das sieht. Wenn ihr “hört”, gibt es nur dieses Hören – und das Subjekt, was da hört, existiert gar nicht. Und die Objekte, die da gesehen oder gehört werden, sind so, wie sie existieren, gänzlich leer und ohne Substanz. Aber es will nicht gelingen, diese Logik wirklich einzusehen. Wenn dies aber als Tatsache erfahren wird, dann seid ihr in Wahrheit “blind und taub”, wie im Vers gesagt.

Vom Inneren der Hütte aus sieht er nicht, was draußen ist.

Der verstorbene Yamada Kôun Roshi meinte, diese Zeile entstamme einem Gespräch zwischen Meister Unmon (+949) und Meister Kempô. Als Unmon Meister Kempô besuchte, stellt er ihm folgende Frage: “Warum weiß ein Mensch in einer Hütte nicht, was draußen los ist?” Auf diese Frage ist Kempô in schallendes Gelächter ausgebrochen. Warum also – das ist der springende Punkt – kann die Person in der Hütte, das Subjekt, nicht das Objekt sehen, was außerhalb der Hütte ist? Weil außerhalb der Hütte überhaupt nichts existiert! – Jetzt mag man denken: also gibt es in Wahrheit nur dieses Subjekt. Aber das ist nicht wahr! Denn auch dieses “Subjekt” ist nicht existent.

Ganz von selbst strömt das Wasser weiter.
Ganz von selbst erstrahlen die Blumen in köstlichem Rot.

Ruhig fließt das Wasser dahin, scharlachrot strahlen die Blumen. Diese Zeile erweckt den Anschein, als existierten nur die Gegenstände der äußeren Welt, und es gäbe keinerlei Subjekt. Aber auch diese Objekte existieren in Wahrheit nicht. Es fließt einfach nur Wasser und rot leuchten die Blumen. Jedes Ding ist einfach so wie es ist – und jedes Ding ist leer, wie es ist. Die Tatsache, dass es keinen Unterschied gibt zwischen sich selbst und anderen, setzt sich einfach so fort. Das Wasser fließt von selbst – und die Blumen sind natürlicherweise von leuchtendem Rot.

Jetzt kommen wir schließlich zur Besprechung des zehnten und letzten Bildes der Serie vom Ochsenhirt: Mit herabhängenden und leeren Händen erscheint er auf dem Marktplatz. So lässig wie nur möglich schlendert er mit schwingenden Armen zum Marktplatz. Von der ersten Station, der “Suche nach dem Ochsen”, bis zur neunten, der “Rückkehr zum Ursprung”, wurde durch die harte Übungspraxis nach und nach das Bewusstsein von allen Konzepten gereinigt. Auch Konzepte wie Buddha, buddhistischer Weg, Erleuchtung, Dharma und Dharma-Übertragung sind verschwunden, vollkommen ausgelöscht. Selbstverständlich gilt das auch von den Überresten des dualistischen Denkens wie dem Gegensatz zwischen Selbst und Anderen. Die Tiefe eines Menschen, der dieses Stadium erreicht hat, kann nicht mal von Shakyamuni Buddha ausgelotet und erkannt werden.

Ein solcher Mensch, der diese Ebene erreicht hat, gibt auch seinerseits keine Anzeichen der erreichten Bewusstseinsverfassung, der Tiefe und Ruhe zu erkennen. Auch legt ein Mensch dieses Ranges keinen Wert auf die Einhaltung von Regeln des Umgangs oder der Lehrweise, wie sie von den Weisen und Heiligen früherer Zeiten überkommen sind. Ein solcher Mensch geht einfach dahin, wo er oder sie möchte, tut, was er oder sie möchte, und lebt, wie er oder sie möchte. Und doch kommt er dabei vom rechten Weg nicht ab. Er führt ein Leben völliger Freiheit, ein Leben natürlicher Einfachheit, ohne für etwas zu kämpfen – und doch entstehen auch keine Probleme.

Als Beispiel für diese totale Freiheit und Natürlichkeit im Alltagsleben kennt ihr die Gestalt eines Menschen, der plaudernd auf dem Marktplatz erscheint, eine Sake-Flasche im Arm trägt und diesen Wein mit anderen teilt. Nach einiger Zeit strebt er halb betrunken mit schlotternden Knien nach Hause. Aber auch so übt er auf eine ganz natürliche Weise seinen Einfluss aus auf alle Anwesenden, auf die Wirtsleute und ihre Gäste, die Fischhändler und ihre Kunden, und überzeugt sie alle von der Tatsache, dass sie so, wie sie sind, erlöst und gerettet sind. Ein Mensch diese Ranges hat die Kraft einen derart weitreichenden guten Einfluss auf die Menschen auszuüben. Das Wesen der Erleuchtungserfahrung ist ganz und gar in die Person eingegangen, so sehr “personalisiert”, dass nichts mehr fehlt. Mit anderen Worten: Dieser Mensch ist in seinem Buddha-Sein ausgereift.

Jetzt zu den Versen von Meister Kakuan:

Barfuß und mit entblößter Brust kommt er zum Markt.

Mit entblößter Brust und ohne Schuhe schlendert er gemächlich zum Marktplatz, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, was andere wohl denken mögen. Ohne etwas voraus zu planen, öffnet er sein Herz, schwatzt mit allen und handelt spontan, wie es ihm gerade einfällt.
- Alle Bilder, welche die zehnte Station der Ochsenhirtgeschichte, darstellen, zeigen an dieser Stelle eine Gestalt, die einen altchinesischen Mönch mit Namen Hotei († 917) zeigen. Der Überlieferung nach soll er von kräftiger Statur gewesen sein und zur nackten Brust seinen dicken Bauch gezeigt haben. Neben seinem großen Wanderstab trug er einen großen Sack und lief immer barfuß. Wahrscheinlich ist er, der eine Manifestation des Bodhisattva Maitreya gewesen sein soll, tatsächlich so aufgetreten, wie der Vers es umschreibt. – Das ist auch ein Zielbild eurer eigenen Praxis. So lange noch der kleinste Rest eines Geruchs vom Erleuchtungserlebnis übrig ist, wäret ihr noch unvollkommen und unreif. Und es wird nötig, mit der eigenen Übungspraxis noch intensiv weiterzumachen.

Mit Asche und Lehm beschmutzt – im Gesicht ein Lächeln.

Nur ein Mensch diesen Formats und mit dieser Erfahrung ist auch in der Lage, Mitleid zu empfinden mit einem leidenden Menschen (kaitô-domen: aschenbedeckter Kopf und lehmbeschmutztes Gesicht), wodurch er die Kraft erhält, ihm auch zu helfen und ihn zu retten. Diese Kraft ist nicht die Folge einer großen Willensanstrengung, sondern das Ergebnis eines tief empfunden Mitleidens. Darauf bezieht sich die Rede vom “ganz natürlichen Mitgefühl jenseits aller Dharma-Bande”. In ähnlicher Weise hat Shakyamuni einst gesagt: “Alle Länder sind mein Land und alle Lebewesen in diesen Ländern sind meine Kinder.” Wer dieses Niveau erreicht, hilft anderen Menschen, jeden Tag zu jeder Zeit und an jedem Ort auf ganz natürliche Weise, ihr eigenes Buddha-Sein zu realisieren.

Weil so ein Mensch immer zufrieden und friedvoll in seinem Herzen ist, gibt es immer ein Lächeln auf seinem Gesicht. Auch wenn es gerade nichts zu lachen gibt, zeigt sein Gesicht doch immer ein freundliches Lächeln. Das wird ausgedrückt mit der Formel: Immer Frieden unter der Sonne (tenka-taihei) .

Ohne das Geheimnis von Göttern und Hexern zu nutzen.

Um einen solchen Zustand zu erreichen und in dieser Weise zu leben, braucht es keine übernatürlichen Fähigkeiten oder die Kräfte eines Wunderheilers aus einer Einsiedelei. Das wird in der letzten Zeile unseres Verses zum Ausdruck gebracht. In früheren Zeiten sind Menschen, die ernsthaft Zazen praktiziert haben, oft durch ihre starke geistige Konzentration in die Lage geraten, allerlei Arten übernatürlicher Kräfte zu erlangen. Shakyamuni selbst hat gelegentlich in Dharma-Gefechten mit nichtbuddhistischen Gegnern solche Fähigkeiten eingesetzt. Diese aber sind, genauer betrachtet, lediglich ein paar Nebenprodukte der Zazenpraxis, nicht aber das Ziel der Praxis des buddhistischen WEGES. Wenn jemand solche Kräfte bekommt, ist das sicherlich auch nichts von Wichtigkeit. Die Geschichte von den Ochsenhirtbildern ist weit davon entfernt, diese Fähigkeiten und Kräfte besonders herauszustellen. Im Gegenteil, sie sagt ausdrücklich, dass sie nicht notwendig seien.

Bringt er verdorrte Bäume zum Blühen.

Wer die Vollendung im Sinn der Ochsenbilder erreicht, kann auch denjenigen, die – wie ein vertrockneter Baum – alle Geisteskraft verloren haben, dazu verhelfen, wieder aufzublühen und neuen Lebensatem zu schöpfen. Das Gelübde, das ausgedrückt wird mit den Worten: “Zahlreich sind die Lebewesen. Ich gelobe, sie alles zu retten” ist wahrhaftig ein Gelöbnis und ein Gebet aller Buddhas und Bodhisattvas, und es ist die tiefste Quelle der Übungspraxis des buddhistischen WEGES. Die Tatsache, das diese Fähigkeit in allen Menschen, Männern und Frauen, ohne Ausnahme immer und vollkommen vorhanden ist – das hat Shakyamuni Buddha gelehrt, das hat er gelebt, und das hat er weitergegeben.

Have fun
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